Clara gibt mehr als Maria – NPO-Forschung macht Fundraiser schlau (6/2014)

Dieser Artikel erschien zunächst auf der Website des Fundraiser-Magazins.

Zwei Zwillingsschwestern, Clara und Maria, wachsen zusammen im selben Ort auf, gehen auf dieselbe Schule, bleiben beide im selben Viertel wohnen. Und doch spendet Clara fünfmal so viel wie Maria. Woran liegt das? Aller Wahrscheinlichkeit daran, dass Clara fast jede Woche in die Kirche geht, Maria dagegen einen großen Bogen um das Gotteshaus macht.

Rene Bekkers vom Institut „Philanthropie Studien“ an der Vrije Universität Amsterdam konnte in der ersten Zwillingsstudie der Spenderforschung zeigen: Jeder Kirchenbesuch, den ein Zwilling im Jahr häufiger in die Kirche geht als sein Geschwister, korreliert mit einer um 20 Euro höheren jährlichen Spendensumme. Schön, aber müssen wir das wissen?

Clara und Maria unterscheidet noch etwas: Maria ist auf ein College gegangen, Clara hat gleich ein Ausbildung gemacht. Obwohl Maria nun auch etwas mehr verdient als Clara, spendet sie deutlich weniger. Tatsächlich zeigt die Zwillingsstudie von Rene Bekker: Der reine Ausbildungsgrad hat keinen Einfluss auf das Spendenverhalten. Korrelationen in anderen Studien dürften also eher auf dem Elternhaus beruhen (das wiederum Einfluss auf den Ausbildungsgrad der Kinder hat).

Was heißt das für uns Fundraiser? Religiosität ist ein ganz wesentlicher Faktor für die Spendenbereitschaft. Das wussten wir schon. Und der Ausbildungsgrad spielt keine Rolle. Das überrascht. Offenbar wirkt sich im Ausbildungsgrad das Elternhaus aus. Für das Fundraising heißt das: Eine Segmentierung nach sozio-kulturellen Milieus ist wahrscheinlich erfolgversprechender als eine Differenzierung allein nach Bildungsgrad.

Das Beispiel stammt aus einem Workshop der 11. International Conference on Third Sector Research, die Ende Juli in Münster stattfand – eine alle zwei Jahre stattfindende Konferenz der wichtigsten Nonprofit-Forscher weltweit. Vier Tage diskutierten sie über Spendenmotive, Typologien von Freiwilligen, Benchmarks im Nonprofit-Management und über zivilgesellschaftliche Trends weltweit – und blieben dabei unter sich. Praktiker aus Nonprofit-Organisationen und Verbänden, professionelle Fundraiser gar, waren nicht zugegen.

Dabei hätten sie eine Menge mitnehmen können. Etwa dass die in allen gängigen Fundraising Lehrbüchern verbreitete U-Kurven-Theorie (die den Spendenanteil in Abhängigkeit vom Einkommen erklärt) nach aktuellen Studien des Center on Philanthropy an der Universität von Indianapolis (USA) nicht stimmt. Oder dass die viel beschworenen Erben gar keine so guten Spender sind – im Vergleich zu den Menschen, die sich ihr Vermögen selbst erarbeitet haben.

Es mag Forschungen mit wenig praktischer Relevanz geben. Die Spender- und Nonprofit-Forschung gehört sicherlich nicht dazu. Es gibt weltweit eine kleine, aber feine Forschungsgemeinschaft zu diesem Thema – mit Zentren in Indianapolis, Amsterdam, Birmingham, aber auch Heidelberg, Münster und Wien.

Die Wissenschaftler haben uns Praktikern – gerade auch uns Fundraisern – etwas zu sagen. Wir sollten uns mit ihnen unterhalten. Auch wenn wir ihr Vokabular nicht immer leicht verstehen. Aber nach einem feucht-fröhlichen Abend in einer Münsteraner Traditionskneipe kann ich versichern: Sie sind wirklich ganz nett, die NPO-Forscher!

Münster Konferenz

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