Frühling in China (1/2015)

Dieser Artikel ist ein Exzerpt des Artikels “Zarte Knospen des Engagements” im Magazin DIE STIFTUNG (6/2014)

von Christian Gahrmann und Li Yiqiong

Es ist Frühling in China. Nicht im Hinblick auf die aktuelle Wetterlage natürlich. Aber die Aufbau-Stimmung des Landes hat nun auch die Zivilgesellschaft erreicht. Noch vor wenigen Jahren existierten weder NGOs noch ein Spendenmarkt in China. Nun sind – wenn auch noch sehr vereinzelt – die ersten Knospen vorsichtiger Entfaltung eines Nonprofit-Sektors zu beobachten. Und Stiftungen sind die ersten Blüten dieser Entwicklung.

Das Aufblühen der ersten Stiftungen ist eine der wichtigsten Entwicklungen des chinesischen Nonprofit-Sektors in den letzten Jahren. Statistiken zeigen, dass chinesische Stiftungen Ende 2013 ein Kapitalvermögen von 93 Mrd. Yuan (ca. 11,3 Mrd. EUR) akkumulieren konnten und jährliche Einnahmen von 35 Mrd. Yuan (ca. 4,3 Mrd. EUR) erzielten. Ein Großteil der Stiftungsgelder fließt in Bildungsprojekte (drei von zehn geförderten Projekten stammen aus diesem Bereich). Gerne gefördert werden außerdem Gesundheits-, Kinder- und Frauenprojekte.

Stiftungen in China lassen sich in öffentliche, meist staatlicherseits gegründete, Stiftungen und private Stiftungen, die von Privatpersonen oder Unternehmen ins Leben gerufen wurden, unterscheiden. Öffentliche Stiftungen sind grundsätzlich legitimiert, Fundraising zu betreiben. Privaten Stiftungen ist das nur in engen Grenzen und nach einem komplizierten Antragsverfahren erlaubt. Einige private Stiftungen kooperieren daher mit öffentlichen Stiftungen und nutzen diese als Fundraising-Kanal.

Ausländischen Stiftungen ist es grundsätzlich erlaubt, in China ein Büro zu eröffnen. Bisher haben sie davon jedoch kaum Gebrauch gemacht – zu hoch sind die administrativen Hürden und zu aufwendig ist der Registrierungsprozess. Auch ist es ausländischen Stiftungen – wie grundsätzlichen allen ausländischen NGOs – in China nicht erlaubt, Spenden zu sammeln. Eine Möglichkeit für sie trotzdem in China aktiv zu werden, ist die Einrichtung spezieller Fonds innerhalb von chinesischen Stiftungen, die nur für bestimmte, vorher vertraglich vereinbarte Förderzwecke verwendet werden dürfen.

Die Ausgangslage für Stiftungen in China ist noch immer schwierig. Nach einer Studie des China Philanthropy Research Institute werden durch die fehlenden bzw. kontraproduktiven rechtlichen Rahmenbedingungen über 30 Mio. neue Jobs im Nonprofit-Sektor verhindert. 300 Mrd. Yuan (36,6 Mrd. EUR) an potentiellen Spenden bleiben unrealisiert. Auch die Stiftungen selbst arbeiten häufig noch nicht professionell. He Daofeng, Präsident der China Foundation for Poverty Alleviation, stellte jüngst in einem Interview fest, dass die großen öffentlichen Stiftungen in China ein schlechtes Image hätten. Viele würden ihre Programmziele nicht erreichen, seien träge und hierarchisch und arbeiteten zudem sehr intransparent.

Positive Auswirkungen haben die Stiftungsneugründungen durch erfolgreiche Unternehmer und Geschäftsleute, die Stiftungen für den sinnvollen Einsatz ihres Vermögens entdeckt haben. Zudem beginnt die Regierung das Potential privater Philanthropie für ihren Kampf gegen Armut und soziale Ungleichheit zu entdecken. Vor dem Hintergrund wachsender sozialer Ungleichheit ist China mehr denn je auf die Entwicklung eines starken Nonprofit-Sektors angewiesen – und auf Stiftungen, die einen Unterschied machen.

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