Leihen ist die neue Innovation (4/2015)

Dieser Artikel erschien zunächst auf der Website der Zeitschrift “DIE STIFTUNG”.

Sie war nicht offiziell auf der Agenda und doch war es vor allem eine Botschaft, die sich wie ein roter Faden durch die Seminare und Reden der 26. Jahreskonferenz des European Foundation Centers vom 20. bis 22. Mai in Mailand zog: „Leihen ist die neue Innovation!“

Unternehmen tun es, NGOs tun es und Stiftungen sollten es auch tun: Leihen, Nachmachen, Kopieren guter Ideen. Der reichste Mensch – und nebenbei bedeutendste Philanthrop – Chinas, Jack Ma, Gründer von Alibaba, hat es getan, als er die Idee von Ebay auf den chinesischen Markt brachte und dort unter dem Namen Taobao schnell höhere Umsätze als das Original erzielte. Die größte Spendenorganisation der Welt, United Way of America, handelte nicht anders, als es das von den US-Bürgerstiftungen entwickelte Konzept des „Community Impact“, der Wirksamkeit von Projekten in den Orten und Gemeinden, auf ihre Orts- und Stadtverbände übertrug. Und auch die Fritz Henkel Stiftung tut es, wenn sie das Bildungsprogramm Teach First in Deutschland unterstützt, eine Adaption des amerikanischen Programms Teach for America für das deutsche Schulsystem.

Eine gute Idee sollte sich ausbreiten. So viele Menschen wie möglich erreichen. Nicht umsonst ist das Teilen von „Best Practice“ eines der erfolgversprechendsten Konzepte beim Antrag auf EU-Fördermittel ebenso wie bei der Bewerbung um das Kapital von Sozial-Investoren. Und auch für Stiftungen ist dies ein wesentliches Kriterium bei ihren Förderentscheidungen.

Stiftungen haben gute Gründe, warum sie besonders „wahre“ Innovationen präferieren. Wenn diese innovativen Ideen erfolgreich sind, können sie eine immense Hebelwirkung entfalten und sogar das Gesicht der Erde verändern. Da nur eine von tausend Innovationen so erfolgreich sein wird, braucht es dazu die finanzielle und politische Unabhängigkeit von Stiftungen.

Aber heutzutage mangelt es nicht an guten Ideen – wir wissen, wie wir, innerhalb weniger Jahre, den Klimawandel stoppen, den weltweiten Hunger besiegen und HIV überwinden könnten –, sondern an der gerechten Verteilung, Anpassung und Implementierung dieser Konzepte. Im Internet werden jede Minute hunderte guter Ideen produziert. Es gibt keinen Gedanken, der nicht schon einmal gedacht wurde.

Auch ich selbst leihe mir gerne Dinge – vor allem Bücher. Ich leihe sie mir von der Bücherei, aber auch von Freunden und Kollegen. Auf diese Weise spare ich mir nicht nur den Kaufpreis und reduziere den Papierverbrauch, sondern erfahre auch aus erster Hand, ob ein Buch lesenswert ist oder nicht. Und nebenbei treffe ich meine Freunde wieder, wenn ich mir das Buch abhole.

Dasselbe gilt, wenn sich eine Stiftung Innovationen von anderen „leiht“. Es spart Ressourcen, ermöglicht, vom anderen zu lernen, baut Netzwerke auf und hilft, dass eine gute Innovation sich verbreiten kann. Für die Menschen, denen auf diese Weise geholfen wird, macht es keinen Unterschied, ob eine Innovation wirklich völlig neu ist oder „nur“ geliehen. Als die Apollo Telemedicine Networking Foundation anfing, die Technologie der Telemedizin zu nutzen, um in abgelegenen Dörfern in Afrika und Indien ärztliche Sprechstunden anzubieten, war es ihr egal, dass die Technologie in den sechziger Jahren zunächst in den USA dazu entwickelt wurde, an Flughäfen einen 24-stündigen medizinischen Service anzubieten.

Es gibt keine innovative Idee, die nicht schon einmal gedacht wurde. Aber es gibt tausende guter Innovationen, die noch nicht alle Menschen der Erde erreicht haben. Dies zu erreichen, könnte eine neue Vision für Stiftungen im 21. Jahrhundert sein.

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Frühling in China (1/2015)

Dieser Artikel ist ein Exzerpt des Artikels “Zarte Knospen des Engagements” im Magazin DIE STIFTUNG (6/2014)

von Christian Gahrmann und Li Yiqiong

Es ist Frühling in China. Nicht im Hinblick auf die aktuelle Wetterlage natürlich. Aber die Aufbau-Stimmung des Landes hat nun auch die Zivilgesellschaft erreicht. Noch vor wenigen Jahren existierten weder NGOs noch ein Spendenmarkt in China. Nun sind – wenn auch noch sehr vereinzelt – die ersten Knospen vorsichtiger Entfaltung eines Nonprofit-Sektors zu beobachten. Und Stiftungen sind die ersten Blüten dieser Entwicklung.

Das Aufblühen der ersten Stiftungen ist eine der wichtigsten Entwicklungen des chinesischen Nonprofit-Sektors in den letzten Jahren. Statistiken zeigen, dass chinesische Stiftungen Ende 2013 ein Kapitalvermögen von 93 Mrd. Yuan (ca. 11,3 Mrd. EUR) akkumulieren konnten und jährliche Einnahmen von 35 Mrd. Yuan (ca. 4,3 Mrd. EUR) erzielten. Ein Großteil der Stiftungsgelder fließt in Bildungsprojekte (drei von zehn geförderten Projekten stammen aus diesem Bereich). Gerne gefördert werden außerdem Gesundheits-, Kinder- und Frauenprojekte.

Stiftungen in China lassen sich in öffentliche, meist staatlicherseits gegründete, Stiftungen und private Stiftungen, die von Privatpersonen oder Unternehmen ins Leben gerufen wurden, unterscheiden. Öffentliche Stiftungen sind grundsätzlich legitimiert, Fundraising zu betreiben. Privaten Stiftungen ist das nur in engen Grenzen und nach einem komplizierten Antragsverfahren erlaubt. Einige private Stiftungen kooperieren daher mit öffentlichen Stiftungen und nutzen diese als Fundraising-Kanal.

Ausländischen Stiftungen ist es grundsätzlich erlaubt, in China ein Büro zu eröffnen. Bisher haben sie davon jedoch kaum Gebrauch gemacht – zu hoch sind die administrativen Hürden und zu aufwendig ist der Registrierungsprozess. Auch ist es ausländischen Stiftungen – wie grundsätzlichen allen ausländischen NGOs – in China nicht erlaubt, Spenden zu sammeln. Eine Möglichkeit für sie trotzdem in China aktiv zu werden, ist die Einrichtung spezieller Fonds innerhalb von chinesischen Stiftungen, die nur für bestimmte, vorher vertraglich vereinbarte Förderzwecke verwendet werden dürfen.

Die Ausgangslage für Stiftungen in China ist noch immer schwierig. Nach einer Studie des China Philanthropy Research Institute werden durch die fehlenden bzw. kontraproduktiven rechtlichen Rahmenbedingungen über 30 Mio. neue Jobs im Nonprofit-Sektor verhindert. 300 Mrd. Yuan (36,6 Mrd. EUR) an potentiellen Spenden bleiben unrealisiert. Auch die Stiftungen selbst arbeiten häufig noch nicht professionell. He Daofeng, Präsident der China Foundation for Poverty Alleviation, stellte jüngst in einem Interview fest, dass die großen öffentlichen Stiftungen in China ein schlechtes Image hätten. Viele würden ihre Programmziele nicht erreichen, seien träge und hierarchisch und arbeiteten zudem sehr intransparent.

Positive Auswirkungen haben die Stiftungsneugründungen durch erfolgreiche Unternehmer und Geschäftsleute, die Stiftungen für den sinnvollen Einsatz ihres Vermögens entdeckt haben. Zudem beginnt die Regierung das Potential privater Philanthropie für ihren Kampf gegen Armut und soziale Ungleichheit zu entdecken. Vor dem Hintergrund wachsender sozialer Ungleichheit ist China mehr denn je auf die Entwicklung eines starken Nonprofit-Sektors angewiesen – und auf Stiftungen, die einen Unterschied machen.

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